Tante Juttas Gespür für Frauen

Die Anne Will hatte wieder ein überraschendes Thema und ganz neue Gäste am Sonntag in ihrer Talkrunde: Corona-Krise und Robert Habeck. Gleich zwei Gründe, um einfach früher schlafen zu gehen, das ist ja auch gesund. Und oft reicht es inzwischen völlig aus, sich am nächsten Morgen die TV-Kritiken und Twitter-Wortfetzen anzuschauen, um die Bestätigung zu bekommen: Es war richtig, den Schönheitsschlaf nicht zu vernachlässigen.

Heute Morgen tat es mir dann doch ein bisschen leid, weil ich eines der unterhaltsamsten Feminismus-Orakel verpasst hatte: Jutta Allmendinger. Sie ist eine meiner Lieblingssoziologinnen, hatte uns das Schicksal doch bereits vor über zehn Jahren einmal zusammengeführt und seither sind wir mit einem zuverlässigen Band des gegenseitigen Nichtverstehens miteinander verbunden.

Gestern nun hat das Jutta-Orakel weißgesagt, durch die Corona-Krise würden Frauen eine „entsetzliche Retraditionalisierung“ erfahren, dass sie nicht glaube, dass das jemals wieder aufzuholen sei und dass wir „von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren“. Mon dieu! 30 Jahre, das ist Manchem sein Ganzes. Die Anne Will wiederum sekundiert brav mit dem Schlusswort, die Corona-Krise führe dazu, dass das Patriarchat zurück ist und Frauen wieder unsichtbar in der Gesellschaft werden. Na zumindest sind sie bei Anne noch auf Sendung und nach wie vor an der Regierungsspitze, so schlimm kann es nicht sein.

Aber zurück zu Tante Jutta, ihr Gespür für Frauen ist untrüblich, schließlich betreibt sie das professionell. Als Präsidentin der Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) hat sie diverse Studien über Frauen erstellt, wie etwa zusammen mit dem Magazin „Brigitte“ die „Frauen auf dem Sprung“-Studie mit dem Fazit damals, Frauen würden ambitioniert starten ins Leben und dann Jahre später auf halber Strecke hängen bleiben und dann doch beruflich nicht dort landen, wo sie ursprünglich mal hin wollten. Viele von ihnen landen in der traditionellen Rollenverteilung und an Heim und Herd und das war schon vor Corona so. Jetzt also nur die Potenzierung des Problems. Allmendinger und die Brigitte schlossen daraus, dass das System Schuld sei, weil es die Frau unten halte. Das Patriarchat mit seinen gläsernen Decken ist eben überall.

Lassen wir mal die nicht unwesentliche Frage beiseite, ob diese Studie damals wirklich repräsentativ war: Was nicht als Erklärung für den abweichenden Lebensweg vieler Frauen in Erwägung gezogen wurde, war die Option, dass Frauen möglicherweise im Laufe ihres Leben und vor allem auch dann, wenn sie Kinder bekommen, ihre Meinung über die Zukunft auch mal ändern. Ich etwa hatte nie geplant vier Kinder zu bekommen, viele Jahre Hausfrau zu werden und Journalistin. Mit 19 hätte ich gesagt, ich werde Rechtsanwältin, heiraten vielleicht und irgendwann später die statistischen 1,4 Kinder, aber auch eher, weil man eben Kinder wohl hat, und nicht als Herzenswunsch. Ich bin nicht vom Weg abgekommen, ich habe einfach einen anderen Weg eingeschlagen, einen der besser war.
Frau ändern ihre Meinung, Männer können ein Lied davon singen, bei Jutta Allmendinger steht das offenbar nicht im Plan und so war das Fazit ihrer Studie schon damals: Frauen, die nicht dort angekommen sind, wo sie ursprünglich ambitioniert hinwollten, sind auf halbem Weg gescheitert, ausgebremst worden, auf keinen Fall haben sie jetzt vielleicht einen anderen oder gar besseren Plan oder auch eine andere Perspektive auf das Leben.

Dass Mutterschaft Frauen verändert, sollte man als Soziologin wissen. Dass beide Geschlechter (hoffentlich) reifen, wenn sie älter werden, und dadurchauch ihre Ansichten ändern, gehört wohl auch eher in den Bereich der Binsenweisheiten, dafür braucht man nicht einmal ein Studium.  Was Frauen wollen und was nicht ist ein feministisches Tretminenfeld und zumindest eines steht eindeutig fest: Es gibt dazu keine klare oder gar einheitliche weibliche Antwort.
Jutta Allmendinger, die auch so schöne Sätze sagen kann wie „Ich bin stolz eine Quotenfrau zu sein“, beharrt nun auf das umfassende Wissen um das, was Frauen wollen und was für Frauen gut ist, als auch, wie es zu erreichen sei. Mit dieser Einstellung ist sie eine wirklich gute, jahrelange Beraterin im SPD-Familienministerium, wo die staatlich geprüften Supernannys uns seit Jahren erklären, was wir armen Mütter-Dummchen nicht wissen. Die Antwort ist der Systemwechsel.

Auch mir hatte die Jutta das einst persönlich bei einer Veranstaltung, bei der ich in ihrem schönen WZB aus Versehen eingeladen war (wie konnte das nur passieren?) vor Publikum mitgeteilt. Ich hatte gewagt auszusprechen, dass ich mein Leben als Hausfrau mit damals erst drei Kindern frei gewählt hatte, dass mich niemand gezwungen hat und ich das gerne tue, obwohl ich eine Ausbildung habe und auch berufstätig sein könnte. Das ließ sie nicht gelten und erklärte mir auf offener Bühne, ich würde das nicht freiwillig tun, ich würde nur glauben, dass ich das freiwillig täte, denn „das System“ habe mich in diese Rolle hineingedrängt. Und deswegen müsse das System erst verändert werden und erst dann könnte ich frei sein und frei entscheiden. Jede Hausfrau also nur ein Opfer des Stockholm-Syndroms. Wir heiraten dann auch noch unsere Peiniger und ziehen ihre Kinder groß, weil wir uns von den Vertretern des Patriarchats gefangen nehmen und blenden lassen. Merke: Frauen können alles, aber jedenfalls nicht selbst entscheiden, was gut für sie ist. Auf jede ambitionierte junge Frau, die glaubt, ihr stehe die Welt offen, kommen mindestens zwei ältere Frauen, die ihr erklären, was sie alles nicht kann, nicht weiß und nicht soll.

So hatte das Jutta-Orakel auch mich anschließend wieder in meine selbst gewählte Unmündigkeit entlassen.  Gut, dass sie wenigstens das System durchschaut hat. Und wenn man weiß, was sie alles weiß und wir nicht, dann ahnt man auch, woher diese ominösen 30 Jahre herkommen, um die es uns nun in der Corona-Krise emanzipatorisch zurückwirft, wie sie sagte. Wieso nicht gleich 100? Oder nur 20? Wir Unwissenden können einfach nicht sehen! Gut, dass es deswegen solche Corona-Expertenrunden gibt, die das betreute Denken für uns übernehmen.  

Diese „entsetzliche Retraditionalisierung“, die andere auch als „Backlash“ der Emanzipation bezeichnen ist in Wahrheit die größte Angst der gesamten feministischen Bewegung. Größtes Problem ist gar nicht, dass Frauen an Heim und Herd ganz schön nützlich sein können und gerade zeigen, was sie alles können, wenn es sein muss. Aus feministischer Sicht ist etwas anderes viel schlimmer: Die Vorahnung, dass es Vielen gefällt. Dass sie es gerne machen. Dass es gar kein Backlash ist, sondern ein Nachhausekommen. Dass es nicht die Überführung in Gefangenschaft, sondern in eine neue Freiheit sein könnte. Die Angst geht um, dass auch jene, die bisher das Mantra geglaubt haben, man müsse sich auf dem Arbeitsmarkt aufopfern und die Kinder unbedingt so schnell wie möglich in fremde Hände geben, jetzt auf den Geschmack kommen, weil sie sehen, dass das Leben als Frau und auch als Mutter nicht so alternativlos ist, wie es gerne politisch vorgebetet wird.

Simone de Beauvoir hatte es bereits 1975 formuliert, was sie von Freiheit und Wahlfreiheit der Frau im Allgemeinen, und von Erziehung und Mutterschaft im Besonderen hält: „Keiner Frau sollte es erlaubt sein (!), zu Hause zu bleiben, und ihre Kinder großzuziehen. Die Gesellschaft sollte völlig anders sein. Frauen sollten diese Wahl nicht haben, und zwar genau deswegen, denn gäbe es diese Wahl, würden zu viele von ihnen diese Wahl ergreifen.“ Sie fügt noch an, „solange der Mutterinstinkt nicht zerstört ist, werden Frauen weiterhin unterdrückt“. Jutta Allmendinger hat Beauvoir einfach ganz gelesen, auch die Zeilen, die eben nicht so oft zitiert werden, aber zumindest weiß sie, was man Frauen auf keinen Fall erlauben darf. Und natürlich ist das Alles nur zu unserem Besten.

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