Es gibt keine feigen Anschläge

Wenn es „feige“ Anschläge gibt, dann muss es doch auch „mutige“ Anschläge geben. Oder nicht?

Ein Kamerateam der ZDF Heute-Show ist bei einer Demonstration angegriffen und mit einer Eisenstange verprügelt worden. Es hat wohl auch Fußtritte auf den Kopf eines Kameramanns gegeben und wären nicht drei Personenschützer mit dem ZDF-Team mitgelaufen, hätte es noch schlimmer kommen können. Soweit die bisher verifizierten Fakten. Der inoffizielle Teil läuft wohl darauf hinaus, dass wir es offenbar mit Tätern zu tun haben, die gewöhnlich dem Frieden-schaffen-ohne-Waffen-Spektrum angehören, zumindest wenn dabei Polizei und Militär gemeint sind. Die Polizei ermittelt noch ergebnisoffen in alle Richtungen. Ja, wir wollen nicht vorschnell ausschließen, dass da nur aus Versehen eine Eisenstange zu Boden fiel, und sich die Protagonisten aus Versehen den Kopf gestoßen haben, beim hilfsbereiten Bücken. Ich nehme an, es wird noch geprüft, ob die obligatorische Vermummung zum traditionellen 1. Mai-Abfeiern von Gewalt gegen die Polizei und Abfackeln von Autos nicht doch nur die selbstgenähte Corona-Maske eines schwäbischen Hausfrau-Kegelclubs auf Durchreise in Berlin war. Von wegen schwarzer Block, hier haben sich doch nur Menschen vorschriftsmäßig gegen Infektionen eingekleidet. Die in allen Lebenslagen inzwischen sinnvolle Armlänge Abstand lässt sich mit Eisenstangen wiederum leicht und praktisch überbrücken: Schatz, reich mir doch mal die Wurst-Stulle aus deinem Rucksack rüber. Wozu sollte man auf eine Demo auch sonst Eisenstangen mitführen?

Warten wir also ab, in welche Statistik am Ende der Gewaltausbruch dieser „Aktivisten“ gezählt werden darf und durch wen und was sich die unschuldigen Eisenstangenträger derart provoziert gefühlt haben, dass sie gar nicht anders konnten, als ihre Wurststullenhalterungen in einer Defensivbewegung zum Einsatz zu bringen.

Währen die Polizei nun ermittelt, schwappt die Empörungswelle durchaus zurecht durchs Netz. Zwei Formulierungen häufen sich dabei: Zum einen, dies sei ein „Angriff auf die Pressefreiheit“ gewesen und zum zweiten, es habe sich um einen „feigen Angriff“ gehandelt, den es natürlich zu verurteilen gilt.
Mir ist die „Pressefreiheit“ zu abstrakt und zu harmlos. Die Pressefreiheit ist zudem ein Rechtsgut, dass die Bürger und die Vertreter der freien Presse vor den Repressalien des Staates schützen soll. Die freie Berichterstattung und der Schutz vor Zensur sind Freiheitsrechte, die nicht zwischen Bürgern wirken, sondern im Verhältnis Bürger gegen den Staat. Hier wurden sogar mit dem ZDF-Team Vertreter des staatlichen Fernsehens angegriffen durch Bürger. Mit Verlaub, aber wer einen Menschen mit einer Eisenstange angreift, zu Boden prügelt und ihm auch noch mit den Schuhen ins Gesicht tritt, der greift nicht „die Pressefreiheit“ an, sondern einen lebenden Menschen. Und deswegen wird hier auch nicht ein „Angriff gegen die Pressefreiheit“ vor Gericht zu verhandeln sein, sondern ein körperlicher Angriff, eventuell schwere Körperverletzung oder gar versuchter Mord. Nennen wir die Dinge doch gerade in der Presse einfach mal beim Namen.

Damit sind wir auch bei dem vermeintlich „feigen“ Angriff. Was bitte soll feige daran sein, jemanden körperlich mit einer brachialen Waffe in der Hand anzugreifen? Und wenn das hier ein „feiger“ Angriff gewesen sein soll, wie sähe dann alternativ ein „mutiger“ Angriff aus? Die Floskel des „feigen Angriffs“ wird faktisch immer dann genutzt, wenn man bemüht ist präventiv darauf hinzuwirken, dass es sich auf keinen Fall um einen nachahmungswürdigen, heroischen Täter gehandelt haben darf, der dann innerhalb seiner Peergroup als eine Art „Märtyrer“ oder „Held“ gefeiert werden könnte, wie wir es weitläufig zum Beispiel aus der Islamistenszene kennen, wo die Bilder von Selbstmordattentäter als Paninibildchen gesammelt werden können.

Der Anschlag muss also „feige“ sein, damit er auf keinen Fall heroisch ist. Nun weiß ich nicht viel über körperliche Gewalt, ich habe sie selbst bislang nur in einem Selbstverteidigungkurs für Frauen mühsam erlernen müssen. Sprich: Man musste uns gerade als Frauen erst einmal beibringen, wirklich ungebremst und mit Aggression gegen einen (gepolsterten!) Mann zu treten und zu schlagen, weil unsere normale Sozialisation, die unter der Formel „Gewalt ist keine Lösung“ inzwischen zum gesellschaftlichen Allgemeingut avanciert ist, uns selbst im Verteidigungsfall als Frauen im Weg steht. Doch nicht nur Frauen, auch viele Männer in der westich zivilsierten Welt haben außer ein paar Schulhofprügeleien kaum Erfahrung mit der tatsächlichen Anwendung von körperlicher Gewalt gegen Mitmenschen. Meine Kinder kennen es gar nicht, ob das wirklich so gut ist, würde ich als Frage im Raum stehen lassen, bleiben wir bei der Feststellung: körperliche Gewalt anzuwenden und das auch noch mit Hilfe von Schlagstöcken, Steinen, Eisenstangen oder gar Schußwaffen ist in einer pädagogischen No-Go-Area angesiedelt und deswegen für die allermeisten Frauen und Männer in zivilisierten Gesellschaften mit einer hohen Hemmschwelle blockiert.

Wir überreichen in Deutschland das Gewaltmonopol dem Staat. Offiziell sind bei uns nur Beamte und Verbrecher bewaffnet und die Selbstverteidigung des braven Bürgers beginnt und endet mit dem Wählen der Telefon-Tasten 110.

Und genau deswegen ist es falsch, hier von „feigen“ Angriffen zu sprechen. Ein Begriff, der auch in den vergangenen Jahren immer wieder bei allen Attentätern und Attentaten medial wie ein Mantra wiederholt wurde. Der angeblich „feige Anschlag“ von Anis Amri am Breitscheidplatz, der „feige Angriff“, bei dem ein Priester in Rouen geköpft wurde, der „feige Anschlag“ vor der Moschee in Dresden, die Anschläge in Nizza und Barcelona, die angeblich ebenfalls nur von Feiglingen begangen wurden, der „feige Angriff“ mit einem Messer auf die Oberbürgermeisterin von Köln und auch die „feigen Attacken“ von London – Feiglinge soweit das Auge reicht. Egal welches Arrentat man sich vornimmt, es finden sich immer ein paar Politiker, die das Ganze sofort in der Öffentlichkeit als feige titulieren, so als könnten ja nur Feiglingen solche Taten verüben.
Mit Verlaub, aber nein. Es gibt sicher viele Attribute, mit denen man diese Täter beschreiben könnte, aber feige, gehört sicher nicht dazu.

Nun muss man heutzutage immer präventiv warnen und konkrete Hinweise verteilen, wie man etwas auf keinen Fall meint, weil das Textleseverständnis nicht erst seit Ausbruch des kollektiven Corona-Fernunterrichtes bei weiten Teilen der Bevölkerung mitunter stark eingeschränkt ist: Nein, ich möchte keine Täter entschuldigen und aus dem Status des Feiglings in höhere Weihen heben.

Aber jemand der eine LWK absichtlich mit Vollgas in eine Menschenmenge steuert, ist nicht feige, wer eine Kirche stürmt und eigenhändig einem Priester vor dem Altar den Kopf abschneidet, ist nicht feige. Wer mit Eisenstangen auf einen Menschen einprügelt, ist nicht feige und auch niemand, der ein Bombenattentat plant, ein Flugzeug kapert um es vom Himmel stürzen zu lassen oder einfach mit bloßen Händen auf einen anderen Menschen losgeht, um ihn zu erwürgen. All diese Leute sind nicht feige, sondern sogar durchaus wild entschlossen. Sie sind gewalttätig, aggressiv, gehen oft eiskalt planmäßig vor, sie sind skrupellos, roh, brutal, blutrünstig, hinterhältig. Ja, all das lasse ich gerne stehen, aber ganz sicher ist es nicht feige.
Aus der Sicht der Nationalsozialisten verübte Claus von Stauffenberg auch einen sehr feigen Anschlag auf Hitler. Wir feiern ihn als Helden, weil er eine Bombe platziert hat und es hat ihn sicher viel Mut gekostet, das zu tun. Wir würden hier wohl zurecht von einem „mutigen Anschlag“ sprechen, der leider beim Versuch stecken blieb. Es gibt ihn also, den mutigen Anschlag. Es ist immer eine Frage der Perspektive, der Bewertung des Ergebnisses, aber nicht der Gefühlslage des Täters. Auch der vermeintlich „feige“ Attentäter braucht braucht verdammt viel Mut, ob es uns nun gefällt oder nicht, vor allem, wenn er dabei riskiert, nicht nur Fremde zu verletzen oder zu töten, sondern auch sich selbst. Die letzte Hemmschwelle des Menschen ist nicht die Gewalt gegen andere, sondern die Gewalt gegen sich selbst.

Hören wir also auf, Attentate und Anschläge reflexartig als feige zu bezeichnen, denn genau das Gegenteil ist unser größtes Problem: Wir haben es bei all diesen Tätern mit skrupellosen Gewalttätern zu tun, bei denen die normalen Barrieren der Menschlichkeit bereits seit langem eingebrochen sind. Schlimmer noch, sie tun es ja meistens aus tiefster Überzeugung, auf der guten Seite der Macht zu stehen. Sie rechtfertigen es mit kruden Theorien und höheren Zielen. Sie fühlen sich als Rächer und Weltenretter oder als Krieger Gottes mit einem geweihten Auftrag.
Diese Menschen sind nicht verwirrt und auch nicht krank, sondern menschlich verroht. Alles andere ist Prosa.

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