Wenn „Lieschen Müller“ den Juden das Gedenken erklärt

Er wünschte, er könnte heute sagen, dass wir Deutschen ein für alle Mal aus der Geschichte gelernt hätten, so der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gestern bei der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung der Juden aus dem Konzentrationslager Auschwitz in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Dass dies nicht der Fall ist, und Antisemitismus im Deutschland 2020 nach wie vor viele Formen haben kann, bewies anschließend ausgerechnet die Hauptnachrichtensendung der ARD mit einem Kommentar der Korrespondentin Sabine Müller vom Hessischen Rundfunk, der einem nahezu die Sprache verschlägt. Antisemitismus verpackt als „Israelkritik“ hat ja eine gewisse Tradition in der deutschen Berichterstattung. Dass man aber ausgerechnet den Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Kommentatorin für einen geeigneten Anlass zum Israel-Bashing hält, schlägt dem Fass den Boden aus. Man kann nur hoffen, dass in Israel niemand die ARD-Nachrichten verfolgt, denn es wäre ein Grund für eine wortreiche Entschuldigung. Das Fremdschämen kann man uns selbst leider nicht nehmen. Nur zur Erinnerung: Dieser Gedenktag gestern wäre nicht nötig, hätten die Deutschen nicht versucht, das jüdische Volk auszulöschen. Was für eine Hybris ist das jetzt, ihnen zu erklären, wie sie „würdig“ diesen Tag zu begehen hätten, und wie nicht und das ganze zur Prime Time im deutschen Fernsehen?

Es sei leider „eine vertane Chance“ gewesen diese ganze Veranstaltung, lässt uns Lieschen, pardon, Sabine Müller wissen. Israel und Russland hätten die Gedenkveranstaltung mit „egoistischen“ Auftritten „überschattet“. Israel und Russland hätten diese Gedenkfeier teilweise „gekapert“ und eine „erinnerungspolitische Privatparty“ gefeiert. Israel hat also seinen eigenen Gedenktag gekapert. Ja das steht da wirklich.
Ja, was erlauben sich diese Juden. Feiern ihr eigenes Überleben und ihre Befreiung von den Deutschen einfach in ihrem eigenen Land in ihrer eigenen Gedenkstätte auf die Art und Weise, wie sie es selbst für richtig halten und fragen gar nicht nach bei Frau Müller im Hessischen Rundfunk, wie lange welches Gedenken denn würdig wäre. Gab es denn gar keine Protokoll-Abnahme durch Vertreter des Deutschen Fernsehens, das ist ja nahezu skandalös! Putin und Netanyahu hätten 90-jährige und 100-jährige Überlebende des Holocaust eine Dreiviertelstunde warten lassen, weil sie ein Denkmal eingeweiht haben zur Erinnerung an die Belagerung Stalingrads. Ich denke, jemand sollte Frau Müller erinnern, dass diese Menschen 75 Jahre zuvor deutlich länger gewartet haben und Millionen von ihnen zudem vergeblich und es sich hier um jene Russen handelt, die die Überlebenden von Auschwitz dann befreiten.
Gut, dass es den Hessischen Rundfunk gibt, der das richtig einordnet, oder wollen wir gar sagen, das richtige Framing setzt, wie das Benehmen der Israelis zu bewerten sei aus deutscher Sicht. Nicht an Lob spart Frau Müller für den deutschen Präsidenten Frank Walter Steinmeier, der sich, im Gegensatz zu den Opfern und den Befreiern als Vertreter des Tätervolkes tadellos benommen hat und diesen Opfern und Befreiern vorgemacht hat, wie anständiges Gedenken würdig von Statten gehen kann. Man möchte in solchen Minuten einfach still verzweifeln. Genaugenommen ist es eine große Geste der Versöhnung, geleistet durch die Überlebenden des Holocaust, dass ein deutscher Bundespräsident an so einem Tag in Israel überhaupt vor ihnen sprechen darf. Ja, der deutsche Präsident hat Recht. Auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist in Deutschland ein klares „Nie wieder“ noch immer nicht möglich. Das liegt allerdings auch an TV-Kommentaren wie diesen. Oder auch an Glückwunschtelegrammen deutscher Staatsoberhäupter an Regime, die die Auslöschung des jüdischen Volkes nach wie vor auf der politischen Agenda haben.

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