Gute Bürger – Schlechte Bürger

Wissen wir schon, wie hoch die Einnahmen am Wochenende in Berlin waren durch die sicher zahlreichen Bußgelder wegen Verstöße gegen #Corona-Abstandsregeln? Ich frage für alle Eltern, deren Kinder seit Monaten nicht in Kita und Schule dürfen, weil es ja zu gefährlich ist. Für die Autoren wie mich, deren Lesungen abgesagt wurden, weil keine 30 Leute sich treffen dürfen. Für die Gastronomen, die immer noch mit zahlreichen Auflagen belegt sind. Für die Veranstalter, die insolvent sind. Für die vielen kleinen Selbständigen, die ihr Gewerbe einstellen mussten und teilweise nie mehr wiedereröffnen werden.

Als ich in den Nachrichten und bei Twitter die Bilder aus Berlin und anderen Großstädten am Wochenende sah, war die Doppelmoral all jener nicht zu übersehen, die einen noch vor kurzem über das Internet anbrüllten, man solle „the fuck at home“ bleiben, weil es unverantwortlich schien, auf einer Parkbank alleine ein Eis zu essen. Ich selbst wurde von einem Schaffner fast aus dem Zug gworfen, weil ich mir erlaubt hatte meine Gesichtsmaske kurz leicht beiseite zu schieben, um in ein Brötchen zu beißen. Ordnung muss in Deutschland sein, zumindest dann, wenn der Gegner auf der bösen Seite der Macht steht. Ist man hingegen im richtigen Auftrag unterwegs, scheint alles erlaubt.

Ich stelle meine Frage also auch als Bürgerin für jene, die sich in den vergangenen Wochen als unverantwortlich, als Vollidioten und als Gefährder ihrer Mitmenschen beschimpfen lassen mussten, weil sie für die Wiederherstellung ihrer Freiheitsrechte auf die Straße gingen. Auf dem selben Platz wie oben im Bild wurde erst kürzlich eine ältere Dame von der Polizei vom Platz geführt, weil sie am Rande so einer Demo stand, die für Büregrrechte eintrat. Ich frage, weil ich gerne eine politische Begründung möchte, wieso manche Demonstrationen trotz Pandemie offenbar ungefährlich sind, andere jedoch unverantwortlich. Woher weiß das Virus das? Ich bin sicher, es finden sich ein paar kluge Fach-Personen in Regierung und Forschung, die das alles beantworten können.

Es gibt ja sicher einen vernünftigen Grund, warum das Programm „Gute Demos – Schlechte Demos“ jetzt offenbar freigegeben wurde, damit die richtigen Menschen endlich wieder mit ihren richtigen Anliegen auf die Straße gehen können, ohne sich deswegen mit den falschen Menschen und den falschen Anliegen in einen Topf werfen lassen zu müssen. Wie man das gut unterscheiden lernt, hat der Grüne Politiker Cem Özdemir demonstriert. Wunderbar zusammengestellt fand ich das hier aufbereitet:

(Quelle: Markus Gelau/Facebook Link)

Diese wunderbar differenzierte Sichtweise bekommt der durchschnittliche Grüne bei vielen Themen hin, gerne auch in der Version „Gute Bäume – Schlechte Bäume“ Es ist alles so einfach und klar, wenn man sich die Welt nicht nur macht, wie sie einem gefällt, sondern auch zur besseren Übersicht rechtzeitig in Gut und Böse eingeteilt hat. So haben wir in Deutschland, obwohl natürlich grundsätzlich alle Bäume unsere Freunde sind, #alltreesmatter, dennoch gute und schlechte Bäume. Die Guten stehen im Hambacher Forst. Also dort, wo sogenannte Umwelt-Aktivisten ihre Baumhäuser installiert haben und die Polizei mit Geschossen und Fallen am Räumen hindern oder auch indem sie ihre eigenen Fäkalien auf die Beamten werfen. Die Hambacher Bäume sind gute Bäume, denn sie wachsen auf den Kohle-Gebieten. Kohle ist schlechte Energie und deswegen müssen die guten Bäume darauf von den guten Aktivisten gerettet werden. Die schlechten Bäumen stehen nur wenige Kilometer weiter im Aachener Münsterwald. Sie werden zu Tausenden gerodet damit Platz wird für Windräder. Windenergie ist gute Energie, das müssen die Bäume, die dort böswillig im Weg rumstehen nachvollziehen, deswegen kettet sich auch kein guter Aktivist an dieselben und man darf sie ohne Protest der Grünen oder der Antifa einfach umhauen.

Was wäre der Deutsche ohne seine weltberühmte „German Angst“? Womöglich glücklich und sorglos. Damit solche Unzumutbarkeiten nicht drohen, findet sich zuverlässig ständig etwas Neues, was unser Leben, unsere Gesundheit, unsere Umwelt, den Planeten und natürlich das gesamte Universum bedroht. Was haben wir nicht alles durch, seit der Berieselung durch Sauren Regen und dem apokalyptischen Waldsterben? Beim Teutates, womöglich wird uns doch irgendwann der Himmel auf den Kopf fallen! Noch hat kein Umweltexperte den Zeitpunkt ausgerechnet. Aber nachdem das Ozonloch wider Erwarten seine Aufgabe nicht ernst genommen und sich ohne weitere Rücksprache mit deutschen Umweltexperten einfach aus dem Staub gemacht hat, muss nun derselbe Staub in seiner feinen Version herhalten, um deutsche Umweltneurotiker bei konstant schlechter Laune zu halten. 

Doch auch Angst will gelernt sein, man kann gar nicht früh genug damit anfangen und auch die Deutsche Angst in gute und schlechte Ängste einteilen. Ich war gerade erst aus Rumänien nach Freiburg und somit in das „Land der Schokoladen und Bananen“ gekommen, wie es meine Landsfrau und Schriftstellerkollegin Karin Gündisch sehr treffend in ihrem Kinderbuch über das Auswandern formulierte. Während ich mich angesichts der überquellenden Supermärkte in einem direkten Vorhof des Paradieses wähnte, hatte meine neue Zahnarzttochterfreundin Marion derweil bereits beschlossen, keine Kinder zu bekommen, weil man ja „in so eine Welt“ nicht verantworten könne noch mehr Kinder zu setzen. Aussterben für das Klima ist also nicht eine Erfindung heutiger gebärunfreudiger Feministinnen, der Gedanke existiert schon lange. Wir waren beide neun Jahre alt. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redet, nickte aber pflichtbewusst, meine erste neue Freundin in Deutschland sollte mir nicht durch dumme Nachfragen wieder abhandenkommen.

Das war 1984, was jetzt gar nichts mit George Orwells Bestseller zu tun hat. Marion war mir erst wieder eingefallen, als ich vor den Corona-Zeiten während der Nachrichtensendungen mehrfach auf die unvermeidliche Norwegerin Greta Thunberg stieß, und mir in der Tagesschau schon mittags haufenweise Schulschwänzer für die Klimarettung albern durch die Kamera zuwinkten. Da schloss sich der lange Bogen von Marion bis Greta zu einem Kreis von Kindern, die naseweis nachplappern, was ihnen Erwachsene vorgekaut haben. Nun hab ich nichts gegen politisch aktive Schüler. Wir haben damals auf dem Gymnasium auch die Aula besetzt gegen den Bildungsminister sitzgestreikt, Lichterketten entzündet gegen den Golfkrieg und (erfolgreich!) gegen das Rauchverbot auf dem Schulhof demonstriert. Allerdings hatten uns die Tagesschau und der halbe Bundestag nicht dafür applaudiert. Stattdessen drohte Nachsitzen und der ein oder anderen Anruf bei den Eltern. Aber dann war ich wieder dankbar, dass die kleine Greta als neue weltweite Ikone besorgter Kinder nochmal eingeblendet wurde wegen dieses Zitates: „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“ Wunderbar formuliert, die Grünen sollten unbedingt rausfinden, wer ihr die Reden schreibt, denn damit trifft sie mitten in den deutschen Nerv: Angst.


Angst vor dem Klima ist eine gute Angst. Eine aufrechte Panik, denn nur Klimaleugner wollen schließlich nicht die Welt retten. Und deswegen lieben deutsche Panikmacher in Funk, Fernsehen, Redaktionen und Parlament die kleine Greta, ist sie nicht herzallerliebst mit ihren Zöpfen? Angst ist der Schrittmacher in Deutschland. Angst vor dem Feind, dem Russen, dem Franzosen, dem Juden. Danach Angst vor dem dritten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, der Aufrüstung, der Abrüstung, dem Wiedererstarken der eigenen Nation. Und als das alles nichts wurde, folgte Angst vor dem Wetter, dem Klima, dem Waldsterben, dem Ozonloch, dem Sauren Regen, dem FZKW, Pestiziden in der Muttermilch und natürlich der Atomkraft! Nein Danke! Da wir als Volk offensichtlich immer noch nicht flächendeckend dahingerafft wurden trotz alle dieser Gefahren vor jeder Haustüre, mussten zwischenzeitlich noch  das giftige Gammelfleisch, der Rinderwahnsinn und die Schweinegrippe herhalten. Die Panikmache ist hoch im Kurs und wenn alles nichts hilft, dann haben wir immer noch den Feinstaub! Unaufhörlich dringt er durch alle Poren, vernebelt das Gehirn bis wir alle vorsorglich das Atmen oder wenigstens das Denken einstellen.

All das sind gute Ängste. Mit solchen emotionalen Unpässlichkeiten schafft man es in Deutschland auch ganz ohne Greta in die Hauptnachrichten. Mit den falschen Ängsten natürlich nicht. 

Hätten irgendwelche „Besorgten Eltern“ ein kleines blondes Mädchen mit Zöpfen vor die Kameras der Weltpresse geschubst, das uns verkündet, es habe jeden Tag Panik vor der unkontrollierten Zuwanderung und es werde jetzt Schule schwänzen so lange bis Angela Merkel endlich die Grenzen schließt, wäre die gesamte „Schau-mal-die-süße-Gerta-Fraktion“ in Funk, Fernsehen und Politik entsetzt und sich einig, dass dies tatsächlich und übrigens zurecht ein Fall für das Jugendamt wäre. Wissen wir nicht zudem dank dieser Broschüre der Familienministerin und der Antonio-Amadeu-Gesinnungschnüffel-Stiftung, dass man als aufmerksamer Nachbar völkische Eltern lupenrein durch sauber gekleidet Kinder mit blonden Zöpfen identifizieren kann? Eben! Greta hat gute Zöpfe, sie sind norwegisch und braun, da kann nichts anbrennen. Gute Kinder-Aktivisten kommen ins Fernsehen, schlechte Kinder-Aktivisten ins Kinderheim. Es gibt also nicht nur gute und schlechte Ängste, sondern auch die dazu passenden guten und schlechten Eltern. Wenn Gretas Promi-Eltern ihr psychisch labiles und krankes Kind im Dienste radikaler Umweltgruppen vor die Kameras der Weltpresse karren, anstatt sie vor genau dieser Instrumentalisierung zu schützen, ist das toll und lobenswert, dient es doch, siehe oben, der Rettung der Welt. Da muss schon mal eine Kindheit geopfert werden. Ich wiederum bin eine verdächtige Mutter, denn meine 11-Jährige hat blonde Zöpfe, aber keine Angst vor dem Klimawandel sondern bloß davor, dass ihr der Verstand einfriert, wenn ich sie trotz Kälte zum Spielen raus jage. Sie nennt es drohenden „Hirnfrost“ und es hört sich nach ernsten, bleibenden Schäden an.

Noch nie habe ich in der Tagesschau übrigens euphorische Berichte über die jungen Aktivisten der „Jugend für das Leben“ gehört. Sie kämpfen nicht für Kinderrechte ins Grundgesetz, sondern erstmal für das Recht von Kindern, überhaupt geboren zu werden, ohne vorzeitig im Mutterleib aussortiert zu werden, weil man als Kind zeitlich, emotional oder in der körperlichen und mentalen Ausstattung nicht den Ansprüchen der bereits Geborenen entspricht. Sie existieren seit 30 Jahren. Parallel zu den Schulschwänzer in Deutschland demonstrierten in Paris übrigens im vergangenen Jahr 50.000 Menschen gegen Abtreibung, darunter sehr viele Kinder und Jugendliche, am Wochenende davor eine halbe Million Abtreibungsgegner in Washington. Das sind alles schlechte Demos. Niemand hatte einen selbstgestrickten feministisch-pinken „Pussy-Hat“ dabei. Es demonstrieren dort einfach die falschen Menschen für die falschen Anliegen. Aber wenn ein paar Kinder für das Klima im Sitzstreik verharren, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Klaus Kleber wieder droht, vor Rührung live im ZDF zu weinen.  

Wenn Ängste noch nicht da sind, müssen sie natürlich sinnvoll geschürt werden. Wir erinnern uns alle an den Tsunami 2011 bei Fukushima, es hat den Grünen einen fulminanten Stimmengewinn in Baden-Württemberg eingebracht. Claudia Roth sprach aufgeregt in den Nachrichten von 50.000 Atomtoten. Die sind nun zwar leider ertrunken und Opfer eines Erdbebens aber wen interessiert das schon, wenn man den Deutschen so viel Angst vor Atomenergie machen kann, dass sie nicht nur den Apotheken die Jodtabletten entreißen, sondern sich in einem Akt des Wahnsinns dazu entscheiden, ihre eigenen sicheren Kraftwerke abzuschalten, um fortan aus den Baracken in Frankreich, Polen oder Tschechien teuer Atomstrom zu beziehen? Angst vor Atomkraft zu haben, ist gute Angst, genauso wie Angst vor der Hitze im Sommer, vor der Kälte im Winter und ständige Angst vor den Rechten. #Nazisraus!

Wir haben ja auch lieber Angst vor ein paar verbarrikadierten Reichsbürgern, die daran glauben die Bundesrepublik sei eine GmbH, statt vor jenen, die derzeit die Tatwaffe „Machete“ im 21. Jahrhundert mitten in Europa zu ihrer ersten Renaissance seit dem Mittelalter verhelfen.  Angst vor Reichsbürgern ist eine gute Angst. Angst vor Männer aus Syrien und Afghanistan, die Frauen belästigen oder gar niederstechen, ist Rassismus. Gut wenn das geklärt ist, damit wir auch wissen, welches die guten Feministinnen sind (Nieder mit dem weißen alten Mann!) und welches die bösen (Angst vor dem feministischen Backlash ins Mittelalter zum schwarzen Mann).  

Angst vor den Rechten ist gute Angst, Angst vor Anschlägen der Antifa ein aufgebauschtes Problem. Wie geht es eigentlich dem Abgeordneten Magnitz? Passend dazu gibt es gute gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Musik die mit Segen des Bundespräsidenten auch öffentlich rechtlich gern promotet wird, wenn dabei Polizei und Staat von links mit feiner Sahne niedergeknüppelt werden. Böse rechte Musik hingegen singt die Nationalhymne in der ungegenderten Version.

Gut und Böse kann natürlich vor dem Sport nicht Halt machen. Die Kollegen von der TAZ entlarvten erst hochaktuell zur Handball-WM, dass dies ein ziemlich rechter Sport sei, weil nur weiße biodeutsche Spieler im Kader und gar keine Diversity vorhanden ist. Nun sind wir alle sehr für bio, aber nur beim heimischen Obst, nicht bei der heimischen Nationalmannschaft. Und dann erst dieser Ex-Profi Stefan Kretzschmar, der in Sachen Meinungsfreiheit ganz böse Sachen sagt. Quod erat demonstrandum! Fußball hingegen ist ein guter Sport, denn dort haben wir Dank Präsidentenfreund Mehsut Özil und seinen diversen Mitspielern ganz viel Toleranz.

Leider schüren böse Menschen auch immer wieder die falschen Ängste zu den falschen Themen. Wer zum Beispiel Angst vor dem politischen Islam hat, und das angesichts der Terrorlage weltweit und in Deutschland zu dem auch noch begründen kann, ist nicht etwa vernünftig, sondern wahlweise islamophob oder Rassist. Immerhin darf man sich noch aussuchen, ob man lieber geteert und gefedert oder medizinisch behandelt werden will. Ein „Therapeutisches Kalifat“ nennt der Schweizer Publizist Giuseppe Gracia in seinem gleichnamigen Buch das Leben unter den Gralshütern der Politischen Korrektheit. Wir alle sind dabei nur widerspenstige Patienten, die man dringend behandeln muss. 

Mit chronisch renitenten Patienten muss man sensibel umgehen. Damit das zukünftig besser läuft, macht die Politik es uns inzwischen einfach mit dem betreuten Denken auf der Intensivstation Deutschland. Wir bekommen nur noch Wohlfühl-Meldungen und phantastische Gesetze mit hübschen Namen. Gute-Kita-Gesetz, Starke-Familien-Gesetz, demnächst bestimmt das Glückliche-Steuererhöhung-Gesetz, das Nie-Mehr-Hass-Gesetz und das Lecker-Bionade-Gesetz. Ich finde das reicht einfach nicht. Es wird wirklich Zeit für das neue Schulfach „Guter Bürger“.   

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