„Heute wärst du vier“

Im Kontrast sieht man die Dinge deutlicher, manchmal auch zum ersten Mal. Heute erreichten mich innerhalb weniger Minuten zwei ganz unterschiedliche Kurzfilme, beide zum Thema Abtreibung und zu der Frage, wie wir persönlich damit umgehen. Mit diesem Kind im Bauch einer Frau, das Manche nicht als Mensch sehen und anerkennen wollen, andere wiederum als Wunschkind gar herbeisehnen und von der ersten Sekunde der freudigen Nachricht an, als ihr Kind betrachten.

Das eine Video entstammt der gestrigen TV-Show „Sing meinen Song“ beim Sender VOX. Michael Patrick Kelly singt darin das Lied „Embryo“ des Rappers MoTrip. Es ist das Prinzip der Sendung, dass die Künstler sich reihum einen Song der Musikerkollegen herauspicken und in ihrer eigenen Stilrichtung neu interpretieren.
Michael Patrick Kelly wählte ein Lied, das MoTrip selbst bislang nur sehr selten öffentlich gesungen hat, es handelt von der Abtreibung, die er und seine Freundin Larissa einst entschieden hatten und danach offenbar sehr lange noch mit der Entscheidung haderten. Sie sind immer noch zusammen, inzwischen haben sie zwei Kinder, es hätten drei Kinder sein können.

Alle im TV-Studio, nicht nur MoTrip selbst, kämpfen gegen die Tränen, während Michael Patrick singt. Man muss es sich selbst anhören und ansehen, dann braucht es nicht viele Worte. Auch bei den anderen Musiker im Studio wie Max Giesinger oder Nico Santos fließen stille Tränen über die Wangen. Rein statistisch haben einige mehr der Anwesenden auf der Couch im TV-Studio wahrscheinlich solche Entscheidungen hinter sich oder begleitet. Mit 5 Millionen Abtreibungen in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland gibt es Millionen Frauen, Männer, Schwestern, Freunde, Freundinnen, Mütter und Väter, die involviert waren und mit der Frage zurückbleiben, ob es richtig war. Gerade holt das Thema sie alle heim. 
Als die Musik endet und er wieder sprachfähig ist, sagt MoTrip, „Es ist gut und wichtig und mutig, dass es diesen Song gibt, ich habe mir und Larissa geholfen, Heilung zu finden“. Er hoffe, dass er auch anderen Menschen in einer solchen Situation mit seinem Song dabei helfen kann.

Das andere Video, von dem ich erzählen will, stammt von der amerikanischen Feministin Sophie Lewis, eine radikale Abtreibungslobbyistin, die gerade auf Tour ist mit ihrem neuen Buch mit dem kämpferischen Titel: „Full Surrogacy Now: Feminism Against Family“ übersetzt also in etwa: „Totale Leihmutterschaft jetzt: Feminismus gegen Familie“.  Es handelt sich um ein Promotion-Video ihres Verlages, um das neue Buch in Schwung zu bekommen.

Sie erklärt darauf sehr nüchtern, wie sie das so sieht mit dem Thema Abtreibung und warum es für sie an der Zeit ist, eine radikale endgültige Lösung in der Abtreibungsdebatte zu finden. Es ist gut und zumindest entwaffnend ehrlich, wie sie ihre Überzeugungen im Thema ausspricht. Kurz zusammengefasst ist ihre These, dass es ein Recht der Frau geben müsse auf das Töten, wenn sie diese „Schwangerschaftsarbeit“ nicht verrichten will. Schon länger wird in der feministischen Bewegung das Kinderkriegen und Kinderaufziehen eher unter dem Aspekt der Dienstleistung als sogenannte „Reproduktionsarbeit“ betitelt. Lewis kämpft gegen die Belastung der Frau mit dieser „Arbeit“ weswegen sie auch eine Auslagerung dieser Tätigkeit im Zuge der „Leihmutterschaft“ an andere gegen Bezahlung favorisiert.

Jeder möge sich selbst ein Bild machen, seine eigene Bewertung finden und die eigene Entscheidung zum Thema Abtreibung und die Frage, ob wir hier über einen Fötus reden, der „Gewalt gegen die Schwangere ausübt“ oder über einen Mensch, der heute 4 oder 10 oder 22 oder 40 Jahre alt sein könnte.
Lassen wir einfach die Zeilen sprechen:

Hier ein Ausschnitt des Liedtextes „Embryo“ von Mo Trip:

„Hallo Mama , hallo Papa, ihr habt mich gezeugt
Ich höre mit, ihr sprecht Arabisch und ein bisschen Deutsch
Ich war schon da, doch euer Plan drehte sich um euch
Ihr habt es irgendwann erfahren, aber euch nicht gefreut
Wie muss das aussehen, wenn die Sonne durch die Wolken bricht
Ich wollte nur das Licht der Welt erblicken, doch ich sollte nicht
Seht hoch, ich fliege mit dem Wind
Lebt wohl, in Liebe euer Kind
….
Wir haben uns eingeredet, dass wir dir nichts bieten können
Und wenn ich heute daran denke, bricht es mir das Herz
Du wolltest bleiben, aber leider nahm dich niemand ernst
Du hattest mehr als das Recht uns dein Gesicht zu zeigen
Wie konnten wir nur so naiv sein und für dich entscheiden
Es bringt mich um, doch ich kann nichts mehr daran ändern
Ich werfe einen Blick in den Kalender
…..
Damals warst du noch ein Embryo
Ich trage diese Narben nicht umsonst
Du willst leben, doch man gab dir nicht die Chance
Damals warst du noch ein Embryo
Heute wärst du vier
Wegen mir bist du heute nicht mehr hier
Damals warst du noch ein Embryo
Ich trage diese Narben nicht umsonst
Du willst leben, doch man gab dir nicht die Chance
Damals warst du noch ein Embryo

den ganzen Text unter diesem Link:

Hier die Übersetzung aus dem Video der Feministin Sophie Lewis bei Youtube, warum man einen Fötus töten dürfen muss, wenn er Gewalt gegen die Frau ausübt:

„Wir stehen vor einem wirklich schrecklichen Angriff auf Abtreibung in den USA, wo ich lebe, in Nordirland und andernorts. In der Vergangenheit umfassten die Strategien, die unsere Seite tendenziell nutzte, darin unseren Feinden in gewisser Weise das Kampffeld sogar bereitet haben. Wir tendieren dazu, zu sagen: Abtreibung ist in der Tat sehr schlimm, aber…!
Oder wir sagen: Zum Glück ist es ja kein Töten, sondern nur das Recht auf Gesundheitsversorgung.  Wir haben beim Thema Abtreibung im Moment nur sehr wenig zu verlieren und ich bin daran interessiert, radikal zu gewinnen.
Ich frage mich, ob wir darüber nachdenken könnten, Abtreibung als das Recht Schwangerschaftsarbeit zu verweigern zu verteidigen. Abtreibung ist in meinen Augen – und ich bin mir bewusst, wie kontrovers das jetzt ist – eine Art des Tötens. Es ist eine Art des Tötens, die wir verteidigen können müssen.
Ich bin nicht interessiert an der Frage, wann menschliches Leben nun genau beginnt zu existieren. Ich sehe die Formen des sich gegenseitig Machens und Entmachens als einen kontinuierlichen Prozess an. Das andere Ende des Spektrums steht dann der Prozess des Lernens, wie man stirbt, wie man sich gegenseitig festhält und wieder loslässt – Am Ende unseres Lebens genauso wie am Anfang.
Ein Blick auf die Biologie dieser Art von hömochorialer Plazentasierung hilft mir, über die Art der Gewalt nachzudenken, die ein Fötus, wenn auch unschuldigerweise, einer Austragenden Frau antut.
Und diese Gewalt ist eine inakzeptable Gewalt für jemanden, der gar keine Schwangerschaftsarbeit leisten will.“

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